Voice of Ukraine: Stimme einer offenen Gesellschaft

Talentshows bieten häufig eine große Bühne zur Befriedigung des eigenen voyeuristischen Triebes. Von Fremdscham gepeinigt lacht sich der geneigte Zuschauer ins Fäustchen, wenn Menschen sich auf großer Bühne vor gehässigen Juroren zum Narren machen. Später landen Mitschnitte dann auch noch im Internet, und die Kandidaten erlangen so traurigen Weltruhm. Das Element der Erniedrigung ließ der Produzent John de Mol bei dem Format „The Voice“ außen vor. In der von ihm konzipierten und in Holland uraufgeführten Sendung müssen die Kandidaten bereits bei der Anmeldung stimmlich überzeugen. Bei ihrem Gesangsvortrag sind den Kandidaten die Juroren dann mit dem Rücken zugewandt, sodass diese nur auf die Stimme, nicht auf das Äußere achten können. Bei der Ausstrahlung werden dann auch nur Kandidaten gezeigt, die es tatsächlich in die nächste Runde geschafft haben. Manchmal auch solche gescheiterten Kandidaten, bei denen man sich fragt, warum keiner der Juroren zugeschlagen hat, oder die den Zuschauer schlichtweg rühren sollen.

Nach den Niederlanden und den Vereinigten Staaten war die Ukraine das  dritte Land, welches sich das Format für den heimischen Markt kaufte und es ab Mai 2011 ausstrahlte. Derzeit läuft die sechste Staffel, und von den früheren Schlagersternchen in der Jury ist nicht mehr viel übrig geblieben. Zu den Trainern, wie die Mitglieder der Jury bei The Voice genannt werden, gehören neben Svyatoslav Vakarchuk auch die Sängerin Tina Karol, der Rapper und Produzent Oleksiy Potapenko sowie der Elektro-Funk-Pop-Sänger Ivan Dorn. Moderiert wird die Sendung neben Yuriy Horbunov auch von Katya Osadcha, dem Aushängeschild der Ukraine, wenn es um Interviews mit internationalen Stars und nationalen Berühmtheiten auf Roten Teppichen geht.

Die Trainer der 6. Staffel sind Ivan Dorn, Oleksiy Potapenko, Tina Karol und Svyatoslav Vakarchuk

Doch warum schreiben wir das alles eigentlich? Machen wir schlichtweg Werbung für die Sendung? Nein, natürlich nicht. Uns geht es um die Botschaft an die ukrainische Gesellschaft, welche diese Sendung trotz allem Kommerz transportiert. Letztes Jahr gewann aus dem breitgefächerten Teilnehmerfeld ein Flüchtling aus dem Donbas. Es gab tatsächlich mehrere Teilnehmer aus von Russland besetzten Gebieten. Die Staffel diente eindeutig dazu, die nationale Einheit zu beschwören und das Schicksal der Flüchtlinge in diversen Einspielern in den Fokus zu rücken. Die neue, sechste Staffel, hat sich nun scheinbar den gesellschaftlichen Pluralismus auf die Fahnen geschrieben. Schon immer hat es Kandidaten aus anderen Ländern oder mit Migrationshintergrund gegeben, vor allem Kandidaten aus Belarus, Georgien und Aserbajan versuchen in der Ukraine ein größeres Publikum auf sich aufmerksam zu machen. Doch in der neuen Staffel bietet man den Kandidaten tatsächlich die Bühne nicht nur für ihren Gesang, sondern auch für ihre Sache.

Da ist zum Beispiel Tetyana Amirova aus Odessa, die Jüdin ist. In ihrer Vorstellung erzählt sie von ihrer jüdischen Herkunft, der Wiederbelebung ihres jüdischen Glaubens und den jüdischen Traditionen ihrer Heimatstadt. In der Sendung überzeugt sie schließlich alle vier Juroren mit ihrer Interpretation von „Bei mir bist du shein“. Keiner der Trainer verurteilt ihre Herkunft. Karol, die eigentlich Liberman heißt und selbst Jüdin ist, natürlich nicht, aber auch alle anderen nicht. Vakarchuk erhofft sich, dass Ukrainer und alle Minderheiten in der Ukraine ihre Wurzeln nicht vergessen und ihre Traditionen pflegen. Er ruft zu einem pluralistischen Miteinander auf, welches es in der Sowjetunion, in der die Herkunft oft genug verschwiegen werden musste, nicht gegeben hat. Eskender Islamov ist Krimtatare und wegen der russischen Besatzung der Halbinsel nach Lviv geflohen. Er habe sich unter russischer Herrschaft gefühlt, als hätte jemand sein Haus verkauft. Der neue Eigentümer hätte ihn zwar in einem kleinen Zimmer weiter wohnen lassen, aber von ihm verlangt, sich nicht bemerkbar zu machen. Er erzählt auch von den Ängsten die er hatte, als er in die ihm unbekannte westukrainische Stadt kam, und wie sich alles in Wohlgefallen aufgelöst hat. Nach seiner Darbietung nimmt er Vakarchuk das Versprechen ab, mit ihm ein krimtatarisches Lied zu singen, denn darauf würde sein Volk sehnlichst warten. Auch Masha Katseva wird zur Botschafterin einer offeneren ukrainischen Gesellschaft. Die Russin aus Ekaterinburg schildert warum sie sich für ein Leben in der Ukraine entschieden hat, wo ihr die Menschen freier erscheinen als in Russland. In ihrem Heimatland war sie wegen ihrer Liebe für die Esoterik und ihrer Ansichten gesellschaftlich ausgeschlossen gewesen. Am Ende wird Katseva weder wegen ihrer russischen Herkunft, noch wegen ihrer esoterischen Ansichten von den Trainern verurteilt.

Das alles klingt vermutlich nach nichts Besonderem und ist auch für ukrainische Verhältnisse vielleicht kein großes Novum. Schließlich ist die ukrainische Gesellschaft grundsätzlich liberal, auch wenn man neuen und unbekannten Konzepten zunächst Skepsis entgegen bringt. Ein großes Reizthema gibt es in der Ukraine aber dennoch. Homosexualität ist nach wie vor verpönt und löst mitunter heftigste Reaktionen hervor. Das liegt vor allem am Verbot der Homosexualität in der Sowjetunion, als auch an der Wiedergeburt der Kirche als moralischer Instanz nach dem Ende der Sowjetherrschaft. Doch auch diesem Thema bietet die Sendung eine Plattform. Die aus Kharkiv stammende Kandidatin Agata Vilchyk erhält in ihrem Einspieler die Möglichkeit ihre Homosexualität öffentlich zu besprechen.

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Die geoutete Kandidatin Agata Vilchyk bei ihrem Auftritt

Auch ihre Mutter, die ihre sexuelle Orientierung nur für ein vorübergehendes Phänomen hält, kommt zu Wort. Nachdem Vilchyk in der Show schließlich Tina Karol von sich überzeugen konnte, eröffnet sie auch den Trainern ihre Homosexualität. Die Reaktionen sind im Vergleich zu den vorigen Beispielen weniger euphorisch, dennoch gibt es Beifall. Auch vom Publikum. Und es ist dann die Moderatorin Katya Osadcha, die die Kandidatin und ihre Lebensgefährtin nochmal vor die Kamera holt und ihnen die Möglichkeit gibt, offen zu sprechen.

Osadcha: „Für sie ist Voice of Ukraine eine geeignete Bühne um ihre Position bezüglich der Gesellschaft kund zu tun.“

Vylchyk: „Ich denke dass es wichtig ist offen zu sein im Bezug darauf, weil es mehr Schwule, Lesben und Bisexuelle gibt, als man annimmt. Und das sind keine schlimmen Menschen, die irgendwo sitzen und etwas Böses tun wollen. Es sind einfach Menschen die unter uns Leben. Das sind wir!“

Osadcha: „Wir danken für ihren Mut, für ihre Position. Wir hoffen das dank ihnen die ukrainische Gesellschaft offener werden wird.“

Man kann sich natürlich darüber streiten, ob diese Beispiele so komprimiert in einer Staffel Zufall, oder ob sie vielleicht doch der Feder eines Drehbuchautors entsprungen sind. Doch es ist klar, dass die junge ukrainische Gesellschaft sich in allen politischen Fragen so weit entfernt wie möglich von Russland positionieren will. Dass das nicht ganz einfach ist, zeigen der Überfall auf die Kyiv Pride letzten Sommer, sowie das unwürdige Tauziehen um eine Arbeitsgesetzänderung vor einigen Wochen. Im schließlich doch angenommen Gesetz ist die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexueller Orientierung auf dem Arbeitsmarkt nun verboten. Und schon arbeiten die Kämpfer für absolute Gleichberechtigung am Abbau weiterer Hürden. So wurde zum Beispiel die Ernennung Adrian Bukovynskyis zum Ombudsmann für Familienfragen des Ministerkabinetts verhindert. Bukovynskyi, der ein veraltetes Familien- und Frauenbild transportierte, setzte sich für eine Implementierung von Gesetzen zum Verbot homosexueller Propaganda nach dem Beispiel Russlands ein. Die Stelle, die er eigentlich bekleiden sollte, wurde mittlerweile öffentlich ausgeschrieben. Der ukrainische Dienst des britischen BBC vermeldete zudem, dass die Regierung an einem Gesetz zur Schaffung von eingetragenen Lebenspartnerschaften für Verschieden- und Gleichgeschlechtliche Paare arbeite. In einem im November verabschiedeten Planpapier bis 2020 gehe es um den Abbau von Diskriminierung. Demnach soll es auch bald Menschen mit Behinderung, HIV-positiven sowie Transgendern möglich sein, Kinder zu adoptieren.

Der Weg bis zur Verabschiedung dieser Gesetze wird vermutlich in vielen ihrer Gegner die hässlichsten Seiten hervorbringen. Sollten aber tatsächlich all diese Gesetze wie geplant bis 2017 beschlossen werden, wäre die Ukraine gesellschaftlich weiter als viele Staaten der EU. Und so weit weg von Russland, wie es sich die vielen jungen und reformhungrigen Menschen in der Ukraine wohl nie hätten träumen lassen.

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