Romapogrom in Izmail

Im Dorf Loshchynivka im Raion Izmail der Oblast Odessa ist es gestern Abend zu einem Pogrom gekommen. Etwa 300 Einwohner des Dorfes hatten die Häuser der ortsansässigen Roma gestürmt und verwüstet. Den Unruhen war die Verhaftung eines jungen Rom vorausgegangen, dem von der Polizei die Vergewaltigung und Tötung eines achtjährigen Mädchens aus dem Ort vorgeworfen wird. Die örtliche Polizei war mit der an die Verhaftung anschließenden Situation heillos überfordert, sodass Ermittler und Sondereinheiten aus Izmail angefordert wurden. Laut Medienberichten wurde bei dem Pogrom niemand verletzt, da die Roma ihre Häuser noch vor dem Überfall verlassen hatten.

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Anwohner des Dorfes verwüsten ein Haus

Das Mädchen, dass am Abend zuvor von ihren Eltern als vermisst gemeldet wurde, war am Samstag in einem verlassenen Gebäude unweit der Romasiedlung leblos aufgefunden worden. Ersten Berichten der Polizei zufolge war ihr Körper mit zahlreichen Schnittwunden und Hämatomen übersäht. Von einem Sexualdelikt könne mit höchster Wahrscheinlichkeit ausgegangen werden. Wie und ob der verhaftete Mann mit dem Verbrechen in Verbindung steht, ist derzeit noch völlig unklar.

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Die Dorfbewohner fordern die Roma auf, den Ort zu verlassen

Die Roma waren erst vor wenigen Jahren in den Ort gezogen und sind seither Anfeindungen ausgeliefert gewesen. Immer wieder wurden sie des Diebstahls, Betrugs sowie der Erpressung und Körperverletzung beschuldigt. Nun hat sich der Hass offen Bahn gebrochen. Doch mit der Verwüstung ihrer Häuser ist es für die Roma von Loshchynivka noch nicht vorbei, denn heute Mittag wurde auf einer eiligst einberufenen Sondersitzung des Ortsrates das weitere Schicksal der Menschen beschlossen. Die Roma seien aufgefordert ihre Häuser bis morgen 9 Uhr zu verlassen.

Nur zögerlich beginnt in der Ukraine so etwas, was man als Vorboten eines gesellschaftlichen Aufschreis bezeichnen könnte. Vor allem das im Raum stehende Sexualdelikt scheint vielen als Begründung für das unmenschliche Vorgehen der Dorfbewohner zu sein. Dass der junge Mann lediglich verdächtigt wird, jedoch noch nicht überführt und schon gar nicht verurteilt ist, interessiert in dieser aufgeheizten Stimmung niemanden, wie der Fakt, dass Sexualdelikte in der Ukraine mehrheitlich von Ukrainern, und nicht von Angehörigen ethnischer Minderheiten begangen werden. Es bleibt abzuwarten wie die Politik in Odessa und Kyiv auf diesen Vorfall reagieren wird. Mikheil Saakashvili, als Hoffnungsträger der proeuropäischen Liberalen und Gouverneur Odessa ist genauso gefordert, wie Premierminister Volodymyr Groysman.

Beide gehören ebenfalls ethnischen Minderheiten an, die sich oft genug Anfeindungen gegenübersehen. Gerade sie sollten also verstehen, wie wichtig dieses Thema für die Ukraine ist, aber auch für Osteuropa ist. Immerhin besteht die Chance sich mit einer richtigen Herangehensweise von den zunehmend in die Despotie abdriftenden, rechtsgerichteten Regierungen Ungarns, Tschechiens oder Bulgariens abheben zu können, die mit antiziganistischen Parolen von sich hören lassen. Und das wäre lediglich der außenpolitische Vorteil. Innenpolitisch ließe sich das Leben von Hundertausenden Menschen verbessern, die bis heute in ghettoartigen Siedlungen außerhalb der Großstädte ohne Zugang zu Strom, fließendem Wasser, Bildung und medizinischer Versorgung leben.

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