Ich habe keine Angst es auszusprechen

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Ich habe keine Angst es auszusprechen – von Mediacomics

Seit Tagen verbreitet sich innerhalb der ukrainischen Gemeinschaft auf Facebook ein Hashtag wie ein Lauffeuer: #ЯНеБоюсьСказатиIch habe keine Angst es auszusprechen. Überwiegend Frauen, aber auch einige Männer versehen damit ihre Beiträge, in denen sie ihr Schweigen über sexuelle Belästigung, Misshandlung und Vergewaltigung brechen. Zahlreiche ukrainische Medien haben das Thema bereits aufgegriffen und in den sozialen Netzwerken entbrennt eine hitzige Debatte über sexuelle Gewalt und dem Umgang der Gesellschaft mit dieser. Die Initialzündung für diese erschütternde und befreiende Bewegung zugleich, gab die Aktivistin und Journalistin Nastya Melnychenko.

Ich will, dass heute wir Frauen reden. Dass wir über die Gewalt sprechen, welche die meisten von uns erlebt haben. Ich will, dass wir uns nicht länger in Erklärungen flüchten, wie ich war am hellichten Tag in sportlichen Klamotten unterwegs, und wurde trotzdem begrapscht. Wir müssen uns nicht Erklären. Wir sind nicht schuld. Schuld ist IMMER der Täter.

Ich habe keine Angst zu sprechen. Und ich fühle mich nicht als Schuldige.
Ich bin zwischen sechs und zwölf Jahren alt. Ein Verwandter kommt zu Besuch. Er mag es, wenn ich auf seinem Schoss sitze. Als ich schon Teenager bin, will er mich auf den Mund küssen. Ich werde wütend und laufe davon. Man nennt mich unartig.
Ich bin 13 Jahre alt. Ich gehe auf dem Khreshchatyk, trage in jeder Hand eine Tüte voller Einkäufe. Ich bin etwa auf der Höhe zwischen dem Rathaus und dem ZUM. Bald bin ich zu Hause.
Ein älterer Herr, der mir entgegen kommt, ändert plötzlich seine Laufrichtung und greift mir in den Schritt. Er greift so fest zu, dass er mich mit der Hand hochhebt. Ich bin so schockiert, dass ich einfach nicht weiß, wie ich reagieren soll. Der Herr lässt mich los und geht ruhig weiter.
Ich bin 21. Ich habe mich gerade von einem Psychopathen (Einem echten. Klinischen.) getrennt, aber ich habe bei ihm zu Hause die Vyshyvanka meines Großvaters vergessen, welche ich ihm geliehen hatte. Ich gehe zu ihm nach Hause. Er verdreht mir die Arme, entkleidet mich mit aller Gewalt und bindet mich ans Bett. Nein, er vergewaltigt mich nicht. Er fügt mir „lediglich“ physische Schmerzen zu. Ich fühle mich so machtlos, weil ich keinerlei Einfluss auf diese Situation habe. Er fotografiert mich, als ich nackt bin, und droht damit, die Aufnahmen ins Internet zu stellen. Ich habe noch lange Zeit Angst zu erzählen was er mit mir gemacht hat, weil ich Angst vor den Fotos im Internet habe. Und Angst habe ich, weil ich mich für meinen Körper schäme (was mir nun irrwitzig erscheint).
Ich bin erwachsen. Zum ersten Mal in meinem Leben gebe ich mein Einverständnis ein privates Pornovideo  zu drehen. Nach der Trennung mit meinem Freund droht er das Video ins Internet zu stellen. Ich informiere alle meine Freunde über Facebook, darauf zu warten. Ich bin erwachsen, Erpressungen funktionieren bei mir nicht.

Haben sich Männer je Gedanken gemacht, wie es ist: aufzuwachsen in einer Atmosphäre, in der man behandelt wird wie ein Stück Fleisch?                                               Du hast nichts getan, aber jeder meint das Recht zu haben dich zu ficken und über deinen Körper verfügen zu können. Ich weiß, sie werden es ohnehin nicht verstehen. Ich würde ihnen nichts erklären, aber sie machen, leider, die Hälfte der Menschheit aus.
Für uns Frauen ist es wichtig über unsere Erfahrungen zu sprechen. Wichtig sie sichtbar zu machen. Bitte, sprecht darüber.

Viele Männer, aber auch Frauen rufen derweil dazu auf, das Thema nicht anzusprechen. Selbst schuld. Es ist nicht an der Zeit. Männerhasserinnen. Dass ein solcher Widerstand gegen die Aktion herrscht, beweist dass etwas im Argen liegt. Selbst Menschen die auf dem Maidan standen, die sich als Vertreter einer neuen Gesellschaftsordnung in der Ukraine sehen, tun sich mit dieser Bewegung schwer. Ein Unternehmer und Mitglied der Partei Demokratische Allianz etwa wollte zwar nicht wie so viele damit argumentieren, die Frauen seien selbst schuld, er bescheinigte der Bewegung der Suffragetten jedoch, keinerlei Besserungen errungen zu haben und nannte die sexuelle Revolution einen Fehler, dessen Früchte man in Hundert Jahren ernten würde.

Doch die Frauen und Männer hinter der Bewegung halten an ihrer Taktik fest, und mittlerweile wurde sie unter einem ähnlichen Hashtag auch nach Russland exportiert, wo der Widerstand fast noch größer scheint.

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