Die Wiedergeburt der Goldenen Rose

Die Ukraine hat es schwer mit ihrer Geschichte und der Erinnerung. Allein für die Zeit des Zweiten Weltkrieges existieren zwei große Narrative, die miteinander konkurieren. Für die einen waren die Nationalisten um Bandera und Shukhevych patriotische Helden, für die anderen Kollaborateure und faschistische Schergen. Gleichzeitig werden auch die Soldaten der Roten Armee auf der einen Seite als Befreier, auf der anderen Seite als Besatzer bezeichnet. Bis heute ist der Prozess der Aufarbeitung dieses Teils, aber auch aller anderen Episode der ukrainischen Geschichte nicht abgeschlossen und werden Thesen hitzig diskutiert. Das liegt vor allem an der Angewohnheit zur Mythifizierung die eine selbstkritische Betrachtung der Materie nicht zulässt. Kritiker werden deswegen nicht selten als Nestbeschmutzer und Verräter denunziert, die jeweils von der anderen Seite bezahlt werden.

Von geringem Wert entpuppt sich auch das staatliche Ukrainische Institut für nationales Gedenken unter der Leitung des umstrittenen Historikers Volodymyr Vyatrovych. Umstritten zum einen weil er Geschichtsklitterung betreibt und Verbrechen der OUN und der von ihr seit 1943 geführten UPA verschweigt und ihre Rolle im Krieg verklärt, zum anderen aber auch, weil er die Geschichte der Ukraine politisiert und sie vor allem gegen die Nachbarn Russland und Polen nutzt. Den Holodomor bauscht er zum nationalen antirussischen Mythos auf, wird dabei jedoch den Millionen Opfern des Hungertodes nicht gerecht und verhindert die wissenschaftliche Aufarbeitung diverser Fragen nach rechtlicher Einordnung, Schuld, Zweck und Folgen. Auch in der Frage um das Massaker an der polnischen Bevölkerung Wolhyniens durch radikale Faschisten innerhalb der OUN zeigt er sich genau so kämpferisch, wie zuletzt die rechtskonservativen Populisten der PiS und führt damit nur zu einer Vertiefung der Gräben zwischen der Ukraine und ihrem westlichen Nachbarn und wertvollstem Verbündeten, statt auf eine Entspannung, Normalisierung und Versöhnung hinzuarbeiten.

synagogeHoffnung machen da einige ukrainische Historikerinnen und Historiker, die sich unermüdlich daran abarbeiten Mythen zu zerschlagen und der ukrainischen Gesellschaft ein wenig Selbstkritik angedeihen zu lassen. Zu den Nennenswertesten zählen derzeit wohl Serhiy Plokhyi, Yaroslav Hrytsak, Andriy Portnov, Oleksandr Zaytsev, Yakiv Yakovenko, Marta Havryshko und Oleksiy Tolochko deren Fachgebiete verschiedene Epochen oder Fachbereiche ein und derselben Zeit betreffen. Auch Organisationen wie das Ukrainische Holocaust-Bildungszentrum oder Medien wie Ukraina Moderna, Politychna Krytyka, Histor!ans oder Krytyka leisten ihren Beitrag zur historischen Bildung. Diese Anstrengungen tragen nun erste Früchte. Museen und Denkmäler warten mit zusehends neuen und gewagten Konzepten auf und tragen das Wissen aus dunklen und miefigen Sowjetarchiven in das öffentliche Leben. Das wohl ambitionierteste Projekt schaffen derzeit die Stadtverwaltung Lvivs mit der Organisation The Space of Synagogues.

Auf den verwahrlosten Ruinen der 1941 von den Nazis zerstörten Goldene-Rosen-Synagoge, des Beth Hamidrash, einer jüdischen Bildungseinrichtung, und der ebenfalls von den deutschen Besatzern zerstörten Hauptsynagoge entsteht bis zur Eröffnung am 4. September eine in der Ukraine noch nie dagewesene Gedenkstätte. Sie erinnert zum einen an die Jahrhunderte alte jüdische Geschichte der Stadt und an die Opfer des Holocaust, zelebriert aber zum anderen das heutige jüdische Leben und ruft zur Toleranz auf. Geplant wurde sie von einem Gremium internationaler Architekten und Historiker, sowie der jüdischen Gemeinde der Stadt sowie der Stadtverwaltung. Aus 35 eingereichten Projekten wurde das nun bald fertig gestellte ausgewählt und in mehreren Bauabschnitten fertig gestellt. Das Projekt stammt vom vom Berliner Landschaftsarchitekten Franz Reschke und wurde von Experten aus Deutschland, Israel und der Ukraine ausgewählt und durch den ukrainischen Architekten Yuriy Stolarov vor Ort realisiert. Vor der Umgestaltung fanden unter der Schirmherrschaft der Lviver Filiale der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH neue Ausgrabungen statt, bei denen große Teile der Ruinen durch den Denkmalschutz konserviert wurden.

Nach über 70 Jahren erhält die Stadt nun endlich ein Teil ihres jüdischen Antlitzes wieder, dass lange genug als klaffende Wunde im Zentrum brach lag. In Die Schlagzeilen kam die Goldene-Rosen-Synagoge erst 2008 wieder, als der berüchtigte Gastronomiebetreiber !FEST, der viele Objekte in der Innenstadt besitzt, am Platz neben den Ruinen das Erlebnisrestaurant Pid Zolotoyu Rozoyu eröffnete. In dem galizisch-jüdischen Restaurant liefen Kellner mit angeklebten Schläfenlocken herum und forderten die Gäste auf, um die Preise zu feilschen. Kritiker sahen, auch durch den Beinamen Halycka Zhydivska Knaypa, den Tatbestand des Antisemitismus erfüllt. Die Betreiber pochten darauf, dass das Wort Zhyd im westukrainischen Raum nicht die Bedeutung habe, die es in der Zentral- und Ostukraine durch Entlehnung aus dem Russischen hat und verwiesen auf Sprachen wie das Tschechische (Židé), Polnische (Żydzi) oder Slowakische (Židia) in denen ebenfalls, gänzlich ohne Probleme, von Zhydy gesprochen würde. 2012 erwirkte die jüdische Gemeinde eine Kontrolle durch die Nationale Expertenkommission für Fragen des Schutzes der gesellschaftlichen Moral eine Überprüfung des Restaurants. Der Direktor des Bildungszentrums der jüdischen Gemeinde, Meylakh Sheykhet, bestätigte daraufhin, dass das Restaurant wichtig für die jüdische Gemeinde sei, da es einer der wenigen Orte der Stadt sei, an dem man über das jüdische Leben der Stadt erfahren könne. Mit der kommenden Eröffnung des neuen Denkmals sind solche Zeiten endgültig vorbei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

14 + zwölf =