Die Angst vor Büchern

Ob es einen Shitstorm im deutschen Netz gegeben hätte, hätte es zur Veröffentlichung des Klassikers „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hattefacebook und twitter gegeben? Wir wissen es natürlich nicht. Zumindest aber hat das Ternopiler Stadtportal mit der erstmaligen ukrainischen Übersetzung des Kinderbuches einen solchen aus dem Hut gezaubert.  Obwohl die Redakteure den feindlichen Ton schon durchaus vorgaben, blieben sie  noch fair. Von den Kommentatoren kann man das mittlerweile nicht mehr sagen. In bester Manier schreibt man sich seit Tagen in Rage, dass sich einem die Nackenhaare aufstellen. Dass das Buch keine Neuigkeit aus dem perversen Europa ist, sondern 1989 auf den deutschen Markt kam als die Ukraine noch zur Sowjetunion gehörte, stört dabei die wenigsten. Sie baden lieber in ihrer Rückständigkeit und Schei- eh, ihren Ergüssen.


Antisemitische Kommentare unter dem Beitrag des Ternopiler Stadtportals

Die verbalen Attacken gegen den liebenswerten Maulwurf mit der biologischen Kopfbedeckung und seiner beschissenen Odyssee sind von außen betrachtet sogar ziemlich witzig. Wenn man nicht weinen will, dann lacht man eben. Die Rückwärtsgewandheit, gepaart mit latentem Rassismus und Antisemitismus wirkt dann beinahe drollig. Doch in den vergangenen Wochen kam es wiederholt zu öffentlichen Diffamierungen von Büchern, Drohungen gegen Verlage und Gewalt gegen Schriftsteller. Die Organisatoren von Buchvorstellungen und Messen knicken immer wieder vor der Gewaltandrohung ein, staatliche Sicherheitsbehörden sehen tatenlos zu. Der aktuellste Fall, der derzeit in der ukrainischen Gesellschaft für immer mehr Empörung sorgt, ist geradezu ein Paradebeispiel.

Bei der Regionalvertretung des ukrainischen Geheimdienstes, bei der Lviver Gebietsverwaltung, im Rathaus und bei den Organisatoren des Lviver Forums für Verleger ging ein Brief ein. Darin geht es, in polterndem, nationalistischem Sprech um die Verantwortung die man selbst in die Hand nehmen müsse, um das Wohlergehen des ukrainischen Volkes welches seit Generationen seine moralischen Traditionen wahrt und die große Gefahr, die von einem miserablen Teil der Gesellschaft ausgeht. Nach einer Seite in sinnentleertestem Gerede um den heißen Brei, erfährt man schließlich worum es den Vertretern nationalistischer, rechtsextremer und völkischer Weltanschauung geht.


Cover des Buches „Maya und ihre Mütter“

Das Forum hatte mit der Juristin, Menschenrechtlerin und Schriftstellerin Larysa Denysenko eine Podiumsdiskussion inklusive Buchvorstellung geplant. Die Podiumsdiskussion sollte den Titel „Ist die Schule bereit mit Kindern über schwierige Themen zu sprechen?“ tragen, das vorzustellende Buch heißt „Maya und ihre Mütter„. Denysenko, die unter anderem auch am KyivPride teilnahm, stellt in ihrem neuesten Buch ein Mädchen vor, welches mit zwei Müttern, die eine lesbische Beziehung führen, aufwächst. In ihrer Podiumsdiskussion, in der auch Kinder anwesend sein sollten, ging es um die Frage, wie sehr das ukrainische Schulsystem solchen Fragen gewachsen ist. In einem Land, in dem Homosexualität immer noch Aggressionen auslöst, ein richtiger und wichtiger Schritt. Und schon wird klar, was hier die Herren aus Fernrechts verunsichert hat. Homosexualität als Teil der Kindererziehung. Soll etwa, wie in Gayropa, Homosexualität schon im Kindesalter eingeimpft und so die katholisch-orthodoxen Grundpfeiler der ukrainischen Gesellschaft ins Wanken gebracht werden? Vertreter solcher Organisationen wie Rechter Sektor, Junges Galizien, Nüchternes Galizien, Weiße Barrets und sogar die 2. Reserve-Hundertschaft des Nationalistischen Ukrainischen Corps des Rechten Sektors, also Reservisten des militanten Armes der Partei sind dieser Meinung. Denysenko hat, um die Sicherheit der Kinder bedacht, ihre Termine abgesagt. Dabei ist sie nur die Letzte in einer langen Reihe von Autoren, deren Buchvorstellungen von Nationalisten empfindlich gestört wurden.

Schon im August gab es Gewaltandrohung gegen die Schriftstellerin Olena Herasymyuk, die auf dem Festival „Banderstadt“ in Lutsk ihr Buch „Erschossener Kalender“ vorstellen wollte. Das Buch handelt von den stalinistischen Säuberungen, insbesondere in der Ukraine, und sollte, der Idee nach, auf einem Festival mit eindeutig nationalistischer Grundhaltung eigentlich ein Kassenschlager werden. Die Rechnung hatten die Veranstalter damals aber ohne Svoboda und Rechten Sektor gemacht. Aufgrund von Herasymyuks Teilnahme am KyivPride drohten sie mit Störaktionen und Gewalt. Die Buchvorstellung fand damals nicht statt.
Nur einen Tag später überfielen Neonazis in Chernivtsi die Präsentation des Buches „Linkes Europa„, es gab mehrere Verletzte. Prellungen und Platzwunden wurden vor Ort oder im örtlichen Krankenhaus behandelt.

Noch ist Zeit umzudenken. Noch hat die ukrainische Gesellschaft, die so vieles gestemmt hat, die Möglichkeit, Politik und Sicherheitskräfte zum Handeln zu bewegen. Doch im Hinterkopf schwingen auch Heinrich Heines prophetische Worte aus dem Stück Almansor mit.

Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher

verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

Im Schatten des kräftezehrenden Krieges und der zähen, ja eigentlich im Stillstand befindlichen Reformen staut sich die Wut. Und immer öfter wird sie mit Gewalt gegen andere abgelassen. Sei es gegen Schriftsteller, deren Werke den Ewiggestrigen ein Dorn im Auge sind, sei es gegen Homosexuelle oder nationale Minderheiten. Die Blindheit auf dem rechten Auge ist allgegenwärtig. Die Gesellschaft hat zu großen Teilen noch nicht verstanden, dass die heutige Freiheit eines Maulwurfs denjenigen zu finden, der ihm auf den Kopf gemacht hat, ihre morgige Freiheit gegen jegliche Politik ihren Unmut kundzutun ist. Freiheit gibt es nur ganz, oder gar nicht.

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